Primark, oder: wie geil ist das?

Der Konsumtempel ,Sillpark‘ in Innsbruck am Freitagnachmittag. Hunderte Menschen wälzen sich durch die Geschäfte, Cafés und Restaurants. Viele von ihnen steuern allerdings ein ganz spezielles Ziel an: die Filiale des irischen Fetzenkonzerns Primark. Busse aus Südtirol und Bayern karren sogar Kaufhungrige zum Billigsttextiler in den Sillpark.

An den Papiertaschen mit dem blauen Logo kann man sie erkennen: jene Menschen, die Primark für ein Geschenk des Himmels halten. Denen es ganz offenbar schnurzegal ist, wie und unter welchen teils unmenschlichen Bedingungen diese ,geiz-ist-geil‘-Textilien hergestellt werden. Die drarauf pfeifen zu erfahren, welche Chemikalienbäder T-Shirts, Jeans und anderes Billigplunder hinter sich haben. Und die mit ihrem ignoranten Verhalten dem wohl zerstörerischsten aller Lebensmottos frönen: „Nach mir die Sintlfut“.

Primark-Tourist_innen aus Bayern. Ist das nicht pervers?

Primark-Tourist_innen aus Bayern. Ist das nicht pervers?

Ein Jahr ist es her, seit in Bangla Desh mehr als tausend Textilarbeiter_innen beim Einsturz eines völlig überlasteten, desolaten Gebäudes qualvoll sterben mussten. Europäische Klamotten-Konzerne gelobten ob der unfassbaren Bilder erstens hoch und heilig finanzielle Hilfen für die bedauernswerten Familien und zweitens Besserung. Einige haben ein wenig getan, viele haben gelogen und nichts gemacht. Hilfe für die Textilsklaven? Ja, aber bitte nur als Versprechen im Text einer Presseaussendung.

Ich war selbst fünf Jahre im Management eines südostasiatischen Textilunternehmens tätig. Habe die Vertreter US-amerikanischer und europäischer ,Nobelmarken‘ und ,Nobelbrands‘ persönliche kennen gelernt und darf sagen: die Leute wissen ganz genau, wie es um Gebäude, Arbeitsrecht, Brandschutz jener Produktionsstätten bestellt ist, in denen ihre Produkte hergestellt werden. Sie sind vor rund 10 Jahren nach Bangladesh ,eingefallen‘, später nach Kambodscha und nun geht‘s nach Myanmar (Burma). Ihnen sind die Arbeitsbedingungen der Menschen großteils wurscht. Auch die Lebensbedingungen der Textilsklav_innen gehen sie nichts an. Sie sind ja nicht einmal bereit, sogenannte ,Marktpreise in den Textilländern‘ zu zahlen. Weshalb auch? Sie können die Preise beinahe nach Belieben diktieren. Alles nach dem Motto: fresst’s oder krepiert’s.

Ihre Kalkulation ist abartig: Von fairen Löhnen oder gar Umweltstandards ist einmal grundsätzlich keine Spur. Keine Rede von Infrastrukturkosten wie Feuerschutz, Statik und dergleichen in den Produktionsstätten. Das einzige Problem der Gierkonzerne: die Erzeugungskosten zu minimieren und den Profit zu maximieren. Und einen ,geilen‘ Verkaufspreis anzubieten. Und diese Kostenminimierung bezeichne ich als einen anderen Ausdruck für Sklaverei. Um die Preise in Europa und den USA so niedrig wie möglich zu halten, müssen eben die Löhne der Textilsklavinnen in Bangladesh, Kambodscha und bald schon Mynmar (Burma) sehr tief angesetzt werden. So tief, dass sie selbst in diesen Ländern nicht mehr zur Bestreitung der primitivsten Lebenshaltungskosten reichen. Besonders pikant ist die Tatsache, dass Konsument_innen bei einem Kauf nicht einmal wissen, wo das Textilstück hergestellt worden ist. Primark hat nicht die Eier, das ‚Made in …‘ anzugeben. Vermutlich aus Angst um die Profite.

Ein Top für 3 €! Das ist in Tirol der Gegenwert von maximal zwei Leberkässemmeln. Hier ist doch etwas krank oder nicht?

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Was die meist jungen Konsument_innen in Europa nicht wissen: mit den Textilimporten werden auch Arbeitslosigkeit und miese Bezahlung importiert. Einerseits führt die Tiefpreislogik („Geiz ist geil“) zu einer Marktbereinigung – Konkurrenten geben auf und müssen ihre Mitarbeiter_innen entlassen, was wiederum die Arbeitslosenzahlen erhöht. Andererseits drücken verringerte Handelsspannen (der Profit darf ja um Himmels willen nicht angerührt werden) auf die Löhne. Arbeit wird zu teuer. Prekariate – das heißt Jobs mit miesester Bezahlung – sind deshalb heute schon allgegenwärtig. Aber da sorgen Konzerne wie Primark vor: Sie unterbieten sich gegenseitig, damit die Niedrigstlohnbezieher_innen auch im Wochenrhytmus neue Fetzen kaufen können. Dass wir uns mit der ‚Geiz-ist-geil‘-Mentalität nur ins eigene Knie schießen, ist vielen Konsument_innen nicht bewusst.

Billigprodukte erzeugen Arbeitslosigkeit bei uns. Das weiß nur niemand.

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Die prinzipielle Frage bleibt: benötigen wir wirklich x-mal jährlich neue Wegwerf-T-Shirts, Einmal-Blusen, Billigst-Hosen und allerlei sonstigen textilen Kram um ein glückliches Leben zu führen? Oder soll es viele Menschen nur von ihrer teils dramatischen Lebenssituation ablenken?