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Die Versandkosten-Lüge: Warum wir bei “gratis” draufzahlen

Die Versandkosten-Lüge: Warum wir bei “gratis” draufzahlen
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Internetriesen wie Amazon oder Zalando werben mit kostenlosem Versand, als wäre es das Normalste auf der Welt. Die Kunden freut’s, sie kommen in Scharen. Mit Wertschätzung hat das allerdings wenig zu tun. Warum der Hype um nicht vorhandene Versandkosten der Anfang vom Ende ist, lest ihr hier.

“Was? Ich soll für den Versand extra bezahlen? Niemals. Dann kauf’ ich es bei Amazon/Zalando.” Es sind Selbstgespräche wie dieses, die täglich in tausenden Haushalten genau so stattfinden. Selbstgespräche, die dazu führen, dass sich irgendwo auf der Welt ein Marketingexperte ins Fäustchen lacht. “Wieder einer reingefallen”, denkt der sich. Reingefallen auf eine ausgeklügelte und finanziell aufwändige Werbestrategie.

Marketingexperten lachen sich ins Fäustchen

Marketingexperten lachen sich ins Fäustchen

 

Seinen Chef, den Geschäftsführer eines der Intenetriesen, freut das natürlich ebenfalls. Um noch mehr Kunden anzulocken, schlägt er vor, ab sofort auch noch die Rücksendung der Ware kostenlos anzubieten. Das zieht. Es wird bestellt und verschickt, retourniert, neu gekauft und versendet. Der Rubel rollt.

Weder Marketingexperten, noch Geschäftsführer kümmert es, dass anderswo auf der Welt zeitgleich ein Kleinunternehmer sitzt, der gerade seinen letzten Kunden verloren hat und nun Insolvenz anmelden muss. Der ist ja auch selbst schuld, oder? Immerhin hat er damit provoziert, eine finanzielle Entschädigung für jene Dienstleistung zu verlangen, aus der ein weiterer Unternehmer – der Lieferant – Profit schlagen will.

Lasst den großen Online-Profis ihre Gewinne! Sie sind wenigstens kundenorientiert und haben es verstanden, kundenfreundliche Preise anzubieten. Man wäre schließlich dumm, nicht im günstigsten Shop zu kaufen. Oder?

Ernsthaft?

Pakete aus fernost müssen eine Odyssee über Land, Wasser und/oder Luft hinter sich bringen

Pakete aus fernost müssen eine Odyssee über Land, Wasser und/oder Luft hinter sich bringen

Die Machthaber im Online-Shopping-Universum sind tatsächlich Profis: im Knöpfe-Drücken. Es ist schockierend, wie einfach bunte Werbung den kumulierten Hausverstand der Bevölkerung auszuschalten scheint. Entweder, uns ist das Denken angesichts unseres stressverseuchten Alltages zu anstrengend, oder wir sind mittlerweile einfach zu blöd dazu.

Anders ist nicht zu erklären, dass billige Ware aus fernost getreu dem Motto “von Kindern für Kinder” heimischen Produkten vorgezogen wird. Egal, ob diese Billigware unter menschenunwürdigen Bedingungen zu absoluten Niedriglöhnen produziert wurde und anschließend eine kilometerlange Odyssee über Land, Wasser und/oder Luft antreten musste.

Egal, wie viele Tonnen CO2 dabei ausgestoßen und wie viele Tierarten beim Bau neuer Autobahnen ausgerottet wurden. Völlig nebensächlich, dass die Schreinerbetriebe und Bauernläden im eigenen und im Nachbarort der Reihe nach untergehen, weil sie im preispolitischen Teich von Giganten wie Amazon oder Zalando nicht mehr stehen können. Hauptsache, ich bekomme meine Ware so günstig wie möglich.

Am Ende waren es immer die anderen

Schon klar: Wenn es um die eigenen Fehler geht, sind wir schnell peinlich berührt und werden zu Meistern im Schuldzuweisen. Dann sind plötzlich wieder die Online-Giganten schuld, die uns mit ihrer manipulativen Werbung geködert haben.

Dabei wissen wir ganz genau, dass eigentlich wir höchstpersönlich dafür verantwortlich sind, wenn Regionalität, Wertschöpfung und -schätzung, Qualität und Fairness auf der Strecke bleiben. Es ist kaum vorstellbar, wie irgendjemand die Zerstörung der Wirtschaft in der eigenen Region wollen kann. Umso erschreckender ist die Tatsache, dass wir sie täglich vorantreiben – und zwar emsiger denn je. Denkt doch mal nach! Sind wir als Konsumenten wirklich zu unmündig, um uns dagegen zu wehren?

Die Antwort lautet Nein! Wir können uns sehr wohl wehren. Auch wir wollen für unsere Arbeit fair entlohnt werden. Warum soll also der Kleinbetrieb um die Ecke dafür büßen, dass er seinen Angestellten – unseren Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten – genug bezahlt, dass diese in unseren Breitengraden davon leben können?

Wenn wir beim Schreiner in der Nähe kaufen, sichern wir Arbeitsplätze in der Region

Wenn wir beim Schreiner in der Nähe kaufen, sichern wir Arbeitsplätze in der Region

 

Es ist entscheidend, was wir kaufen

Wir sollten uns bewusst für oder gegen einen Kauf entscheiden. Hören wir auf, zu faul zu sein, um unseren Verstand zu benutzen und denken wir lieber zweimal nach, ob wir etwas wirklich haben wollen. Informieren wir uns, ob das Objekt der Begierde nicht auch in der Nähe angeboten wird. Klären wir ab, unter welchen Bedingungen es produziert wurde und wie es geliefert wird. Lassen wir uns nicht für blöd verkaufen!

Nutzen wir vorhandene Strukturen und Shops, die heimischen Produzenten im Internet eine Verkaufsplattform zur Verfügung stellen

Nutzen wir vorhandene Strukturen und Shops, die heimischen Produzenten im Internet eine Verkaufsplattform zur Verfügung stellen

Ja, wir leben im digitalen Zeitalter und natürlich dürfen wir im Internet einkaufen. Rufen wir uns nur vorher unsere Moralvorstellungen und Werte ins Gedächtnis und fragen uns, ob ein kostenloser Versand mit einem Transport von 5000 Kilometern vereinbar ist. Mit Sicherheit nicht!

Nutzen wir vorhandene Strukturen und Shops, die heimischen Produzenten im Internet eine Verkaufsplattform zur Verfügung stellen. Hören wir damit auf, Geiz geil zu finden und regionale Handwerkskunst zu verschmähen. Es ist weitaus nachhaltiger, ein paar Euro mehr zu zahlen, dafür aber mit gutem Gewissen gekauft zu haben. Fangen wir an, die Dinge wieder zu schätzen! Veränderung fängt bei jedem einzelnen an. Folglich ist es entscheidend, was jeder einzelne kauft.